Spielst du am liebsten alleine zu Hause?

Oft höre ich diese Aussage im Unterricht und für viele Erwachsene ist eine Unterrichtsstunde schon eine Herausforderung.
Warum es trotzdem spannend sein kann, sich mit dem Spielen für andere auseinanderzusetzen.

Viele sind glücklich, wenn sie für sich musizieren. Dann können sie vollkommen abschalten und in ihre Welt eintauchen.
Da kann alles andere vergessen werden. Kein Vergleichen, keine Erwartungen,
keine Angst, keine Schmerzen, kein Wollen oder gar Müssen – einfach nur spielen!

Ehrlich – ich liebe es, einfach nur für mich zu spielen.
Was für ein herrliches Gefühl!

Um die eigene innere Klangvorstellung zu entwickeln, ist es wichtig, sich auf sich selber zu beziehen, dem eigenen Musizieren Raum zu geben – auch für längere Zeit!

Das ist die eine Seite.

Es gibt zwei gute Gründe, den Schritt nach außen – auf die andere Seite – zu wagen.

Erstens ist es ein Geschenk, wenn du für andere spielst.
Niemand bleibt unberührt, wenn er Musik hört. Wenn du Kinder oder Jugendliche in deinem Umfeld hast, zeige, womit du dich beschäftigst, spiele mit ihnen und für sie. Nichts ist schöner, nachhaltiger und bereichernder, als wenn du im Beisein deiner Kinder spielst. Es kann sich ein gemeinsames Musizieren ergeben. Dein Spielen ermutigt Kinder selbst zu spielen, sich musikalisch zu entfalten.

Auch kann es für Kinder, Jugendliche, Schülerinnen und Schüler befreiend und ermutigend sein, Erwachsene als Lernende wahrzunehmen.
Zu sehen, Lernen kann Freude bereiten und ist in jedem Alter möglich.

Warum nicht mal für die Freundin spielen. Oder Kollegen ansprechen und eine kleine Musiksession vereinbaren? Du wirst wahrscheinlich erstaunt sein, wie viele unterschiedliche Instrumente ihr spielt.

Und der zweite Grund liegt in dir.
Wenn du dein Spielen entwickeln möchtest, dann ist eine Außensicht von Zeit zu Zeit notwendig. Nicht weil die Außensicht besser ist, sondern weil uns unsere Wahrnehmung
manchmal täuscht.
Jeder von uns kennt wahrscheinlich das Phänomen, bei komplexen Passagen langsamer zu werden, Pausen nicht entsprechend zu halten, rhythmische Herausforderungen „anzupassen“.
Das liegt unter anderem daran, dass wir vieles subjektiv wahrnehmen und glauben, es entsprechend zu spielen und bei Sicht von außen merken wir die Unstimmigkeiten.
Bereits sich selber aufnehmen, bringt eine erkenntnisreiche Außensicht.
Aufnahmen können für dich auch eine Art Klangtagebuch sein. Du hörst, wie du dich selber weiterentwickelst.

Wenn du für andere spielst, dann zeigst du dich. Du verlässt deine Komfortzone.
Ein Musikstück für eine Präsentation vorzubereiten, erfordert noch einmal ein tieferes Studieren und Spielen. Und dieses Musikstück bleibt besser gespeichert und ist leichter wieder abrufbar.

Ich habe bewusst am Anfang – spielen für andere – geschrieben und nicht vor anderen.
In den letzten Jahren ist mir selber und auch bei meinen jugendlichen und erwachsenen Schülerinnen und Schülern so wirklich klar geworden, wie wichtig so ein Paradigmenwechsel ist.
Damit befreien wir uns Schritt für Schritt von unserem so mächtigen Leistungs- und Erwartungsdruck.

Wir können beim Spielen die eigene und die Freude der anderen spüren.
Das ist ein Geschenk.

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